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Luise Clüseners Lebenserinnerungen
Seite 40-49
Seite 50-63
Stichwort Verzeichnis
Seite 10-19
Seite 20-29
Seite 30-39

 

Inhaltsverzeichnis  
     
1. Lebensabschnitt Seite
  Kindheit in Obernfelde
  Familienchronik
1
 
  Väterlicherseits
  Mütterlicherseits
15
22
     
2. Lebensabschnitt  
  Jugend in Schröttinghausen
  Ländliche Bräuche
  Kirchliches Leben
  Weltliches Leben
  Anstellung
26
32
38
41
42
     

3. Lebensabschnitt

 
  Ehe
44
     
4. Lebensabschnitt  
  Witwe
  Nachträge
50
52
     
Stichwortverzeichnis  

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Lübbecke, den 26.2.1957.

Heute will ich nun auf den vielfach geäußerten Wunsch der Kinder versuchen, aus meinem und dem Leben meiner Vorfahren zu berichten - in nun 63 Jahren Selbsterlebtes - und was mir aus den Erzählungen meiner Eltern und Großeltern im Gedächtnis haften geblieben ist. So will ich denn beginnen:

Luise ClusenerObernfelde

Ich bin geboren am 18. Februar 1894 in Schröttinghausen, Krs. Lübbecke, auf dem Hof meiner mütterlichen Vorfahren, ,,auf der Masch". Kurz vor meiner Geburt war mein Urgroßvater Franz Volbert, im Alter von 85 Jahren gestorben. Mein Vater, Friedrich Wilhelm Hermjohannes, war auf diesen Hof eingeheiratet. Da aber mein Großvater Wilhelm Volbert und Vater sehr gegensätzliche Naturen waren, hatte man sich dann, nach fünf, wohl sehr unerquicklichen Jahren, entschlossen, sich zu trennen. Im Ministerhaus Obernfelde, wo mein Vater schon als Junggeselle einige Jahre als Kutscher gedient hatte, wurde diese Stelle mit einer kleinen Wohnung frei, und so zogen wir dann, Vater, Mutter und Schwester am 1. April 1894 in das alte gemütliche Kutscherhäuschen, zu den beiden Damen Caroline und Luischen von der Recke. Vater als Kutscher, Gärtner und Verwalter der kleinen Landwirtschaft, bestehend aus 1 Pferd, 2 Kühen, Schweinen und Hühnern, dem dazugehörenden Acker und großen Garten. Hier nun haben wir alle, besonders wir Kinder, selten glückliche Jahre verlebt.

Unsere Wohnung bestand aus zwei kleinen Stuben, die Mutter aber sehr fein und gemütlich einzurichten verstand. Der kleine schmale Flur, der zum Teil mit zu der Wohnung gehörte, wurde auch gleichzeitig als Waschküche, Backstube und Wurstküche benutzt. Dort befand sich also außer einem großen Waschkessel auch der Backofen, in dem Vater etwa alle 10 Tage das Brot für die Bewohner des Ministerhauses und auch des Pflegehauses backte. Die Brotteige wurden auf dem sogenannten ,,Lazarett" fertig geknetet. Dieser große Bodenraum war Bügelstube, Backstube, zur Not auch mal Fremdenzimmer, und sonntags wurde hier für die Kinder vom Mehner Berg die Sonntagsschule gehalten, sehr zum Leidwesen der Eltern, die durch das Gepolter um ihren Sonntagmittagschlaf kamen. Mit dem Ruf ,,de Froile kümp" (der Fräulein) trat dann Ruhe ein und Fräulein Luischen oder Adelheid von Ledebur konnte beginnen. Soweit die Beschreibung unserer bescheidenen, aber gemütlichen Wohnung.

Die beiden Damen, Tante Caroline und Tante Luischen wurden sie genannt, wenn auch die persönliche Anrede ,,gnädiges Fräulein" lautete, hatten zwei Nichten, Luise und Adelheid von Ledebur aus Crollage, die Kinder ihrer Schwester, die im Wochenbett bei der Geburt des 12. Kindes starb, zu sich genommen und als ihre Kinder betreut
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und erzogen. Als Hauspersonal hatte man dann noch eine Mamsell, ein Küchen- und ein Hausmädchen. Vater besorgte im Winter die Öfen und Mutter half wo sie gerade gebraucht wurde, im Sommer im Garten und auf dem Felde, auch bei der Wäsche u.s.w. Auch uns Kinder stellte Vater zu leichten Arbeiten an. So mußte ich die Kühe hüten, und wo jetzt an der Wittekindstraße die schönen Häuser stehen, und an der Obernfelder Allee die Englische Siedlung gebaut ist, da habe ich als Kind Kühe gehütet.

Zwischen Herrschaft und Dienstboten herrschte ein vertrautes, fast familiäres Verhältnis und besonders meine Eltern als Bauernkinder und Hofbesitzer, die sie ja später wurden, waren sehr geachtet, so daß Frl. Caroline mal zu Vater äußerte: "Ihr Bauern kommt gleich nach uns" (dem Adel)! (Als Adam grub, und Eva spann, wo war alsda der Edelmann?) Wir denken noch heute, nach über 50 Jahren, voller Dankbarkeit Luise von der Reckean die Damen, die alten wie die jungen. Wie hat man sich immer liebevoll mit uns befaßt! An den Winterabenden durften wir oft zu ihnen in den ,,Saal", den großen Ess- und Wohnraum des Hauses kommen. Hier habe ich unter ihrer Aufsicht das erste Nadelkissen für die Großmutter gestickt, Kreuzstich auf Stramin. Oder ein Lesezeichen für Vater. Oder die ersten Übungen im Stricken und Häkeln gemacht. Geradezu märchenhaft war die Advents- und Weihnachtszeit. Da wurden dann für die Sonntagsschulbescherung Bilderbücher, die schönsten die man sich denken kann, ausgeschnitten, eingeklebt und bemalt. Wir durften Wolle wickeln zu allerhand warmen Sachen. Aus einem großen Bilderbuch mit losen biblischen Bildern durften wir eines herausziehen, und man erzählte uns dann die Geschichte dazu. Bei diesen abendlichen Besuchen zogen wir dann manierlich vor der Saaltür unsere Holzschuhe aus. Anklopfen wurde nicht gewünscht, das wäre zu vornehm gewesen, aber dann fragten wir bescheiden: ,,Ob wi n`birten kurmen dröffen". So oft wir auch von den Eltern belehrt wurden, ihr müßt sagen: ,,Dürfen wir kommen?" - wir sagten unser altes Sprüchlein auf. Hieß es dann mal: ,,Heute abend können wir Euch nicht gebrauchen", so waren wir es auch zufrieden. Kurz vor dem Fest kam der alte Schneider, Vater Lakuler mit seinen Söhnen und schlug seine Werkstatt auf dem Lazarett auf. Aus Alt wurde dann Neu geschneidert, und diese Sachen dann den oft recht armen Kindern des Mehner Berges in der Sonntagsschulbescherung geschenkt. Diese ,,Schneiderei" gehörte ganz einfach mit zu Weihnachten.

Dann nahte der so heißersehnte Heilige Abend. Vorher mußten wir beiden Kinder noch einen Weg machen. Bei Liekwegs ,,auf den Vierlinden" wohnte ein armes, altes Mädchen, Grönemeiers Wieschen, für dieses hatte Mutter in jedem Jahr zu Weihnachten einen großen Topfkuchen gebacken, dazu legte sie noch 1/2 Pfund Kaffeebohnen und 1 Pfund Zucker. So lehrte uns Mutter bei aller Freude und Erwartung, auch nicht die Armen zu vergessen. Kamen wir dann zurück, so machte uns Mutter fein und dann ertönte auch bald des Christkinds Klingel und wir
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marschierten erwartungsfroh hinüber, um dann mit den Mädchen zusammen ,,Nun singet und seid froh" oder ,,Sehet was hat Gott gegeben" singend, zur Krippe zu gehen. Ach die Krippe! Die will ich Euch genau beschreiben? Eine schönere gab es wohl nicht und ich gäbe was darum, wenn ich sie noch einmal sehen könnte. Zwischen zwei hohen Weihnachtsbäumen war sie aufgebaut. Die Rückwand war mit Tannenzweigen Weihnachtskrippebekleidet. Unter dem linken Baum stand der Stall mit den Krippenfiguren, davor die Hirten mit den Schafen. Von der Spitze des Baumes hing ein Stern mit einem langen Schweif aus Rauschgold. Neben dem Baum rechts war ein großes Bild mit dem Engel und den himmlischen Heerscharen. Dazwischen lag das Feld der Hirten, ganz künstlich aufgebaut mit Moos und Steinen, mit einem Springbrunnen und einem kleinen Bach, wieder Hirten und Schafen, Hühnern, Enten u.s.w. Das Ganze war vielleicht 2 bis 2-1/2 m2 groß. Die Kerzen waren aus reinem Wachs, die jeweils von einem sogenannten Wachsstock abgeschnitten wurden, sie dufteten besonders schön. Nach der Verlesung der Weinachtsgeschichte wurden wir dann an unsere Plätze geführt. Oh, was gab es da für herrliche Geschenke für uns Kinder. Sie waren aber auch nach heutigen Begriffen wirklich schön und mit soviel Liebe und Geschmack von den Damen selbstgebastelt, das sich auch heute noch jedes Kind darüber freuen würde. Eine Puppe war jedesmal dabei, zum aus- und anziehen natürlich.

Einmal war es eine Bauernpuppenstube mit einem Strohdach, ein Wohnzimmer mit Klapptisch, wie in den Bauernhäusern, mit Zinnteller und Leuchter, und mit einer ganzen Puppenfamilie: Vater, Mutter und zwei Mädchen, alle in Bauerntracht, sowie einem Schlafzimmer mit Himmelbett. Dazu gab es dann schöne Bilderbücher, hübsche selbstgerahmte Bilder und Sprüche zum aufhängen, oder kleine Koffer und Kisten, buntbemalt, Tuschkasten, bunte Kreide und Bilderbücher zum ausmalen. Aber es gab auch nützliche Sachen: Einmal einen kleinen, gelben Handwagen, in dem noch Liesbeths Kinder gefahren wurden, oder eine stabile kleine Schiebkarre, die Mutter bis ins hohe Alter im Garten benutzt hat. Ach, es war ein Reichtum an Geschenken, der garnicht zu fassen war, und kein Kind in der ganzen Welt konnte reicher sein als wir! Vor Freude konnte man nicht einschlafen, und doch war sie noch nicht zu Ende. Denn am Morgen des ersten Weihnachtstages weckte uns Vaters Stimme aus glückseligen Träumen mit dem Lied: ,,Vom Himmel hoch da komm ich her..." Und wieder strahlte der Weihnachtsbaum, diesmal unser eigner. Und wieder wurde beschert, wenn auch mehr nützliche Sachen, wie Kleider und Schürzen, Haarbänder, usw. Aber auch besondere Wünsche wurden erfüllt, so hatte sich mal Liesbeth ein Korsett so dringend gewünscht, das es die Eltern ihr auch schenkten. Ja, das war Weihnachten in Obernfelde.
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Nun folgten die Winterfreuden. Ich kann mich nicht entsinnen, daß es mal einen Winter ohne Eis und Schnee gegeben hätte. Hinter unserem Haus gab es eine herrliche Rodelbahn, ,,Spellmeiers Brink". Da rodelte dann die ganze Jugend des Gutes auf ihren selbstgezimmerten Schlitten den Abhang hinunter. Wir bekamen dann mal zu Weihnachten einen richtigen gekauften Rodelschlitten, und waren ganz stolz darüber. Waren dann die Teiche zugefroren, die Schweine-, Enten-, Mühlen- und Fischteiche, so gab es wieder neue Freuden für uns Kleinen, das ,,Schutten" auf den glatten ,,Schuttebahnen". Schlittschuhlaufen war nur für die Größeren, ich habe es nur eben gelernt, später in Schröttinghausen war keine Gelegenheit mehr dazu.

Kam dann der Frühling und Sommer ins Land, lebten wir Kinder fast nur noch im Walde. Als erstes suchten wir Schlüsselblumen, Tabaksblumen (Lungenkraut), und vor allen Dingen Waldmeister, die Mutter zwischen die Wäsche legte, und Vater gerne mal in der Pfeife rauchte. Dann folgte die Beerenernte, dazu mußten wir dann weiter in den Wald, oft sogar in den Mehner Berg, dann gingen auch wohl mal die Mütter mit.

Obernfelde 1893
Nun will ich auch noch über zwei Häuser berichten, in denen wir als Kinder täglich ein- und ausgingen, und die doch ganz grundverschieden waren. Zuerst das ,,Hühnerhaus". Da wohnten Lückings (Böckelmanns) , und Blotevogels. Die jüngeren Kinder waren unsere Spiel- und Schulgefährten. Das Haus machte einen düsteren Eindruck, und erinnerte an ein Räubernest, von dem ich mal eine Geschichte gelesen hatte. Auch innen war es düster, aber die Leute, die da wohnten, waren ganz ordentlich, besonders Lückings, und haben ihrer Gutsherrschaft treu gedient. Lückings Mutter war eine kleine, dralle, hübsche Frau. Lückings Vater, groß und stattlich und sympathisch, hatte einen Bart, und sah aus wie Kaiser Friedrich oder wie Wilhelm I. Sie hatten acht Kinder, Blotevogels sechs. Jede Familie hatte je eine Stube und zwei kleine Kammern. An jeder Seite der Deele war eine offene Feuerstelle, über der im Sommer gekocht wurde. Im Winter wurde im Stubenofen gekocht. Das Mobiliar bestand nur aus dem allernötigsten:

Tisch, Bank, Stühle und Molkenschapp. Trotzdem sind wir immer gerne dort gewesen, und der Pickert, den uns die Mütter backten, wenn wir im Winter mit unserer Mutter zum Stricken eingeladen waren, hat nirgends besser geschmeckt.

Eine Pumpe oder Brunnen gab es nicht, das Wasser mußte aus dem Bach geholt werden, der ein Stück unterhalb des Hauses floß. Das war besonders schwierig im Winter bei Schnee und Eis, denn von einem Weg war nicht die Rede. Als dann später ein schönes, neues Wohnhaus für diese beiden Familien gebaut wurde, fühlten sie sich garnicht wohl darin und sehnten sich ins alte Räubernest zurück.
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Über die Moral der Gutsarbeiter ist zu sagen, daß sie nicht gerade die Beste war, die jungen Leute mußten fast alle heiraten, so war es wohl immer schon gewesen. Die Eltern haben uns immer sorglich gehütet, daß uns nichts unrechtes zu Ohren kam, und so haben wir auch zum Glück wohl manches nicht verstanden, was wir hörten und sahen.

Im großen und ganzen waren alle ,,Arröder" ehrliche und brave Leute, aber wenn das Obst reif war, besonders die Kirschen, dann wurde eben geklaut, und das war auch wohl schon immer so gewesen. Dann mußte Kerker, der Gärtner, abends Wachen ausstellen, und wenn denn so ein kleiner Sünder geschnappt wurde, so höre ich heute noch Lückings Mäume sagen: ,,Du Twaus, warum bist du so dumm, und läßt dich packen?" Es war eben so, wenn man Kirschen haben wollte, mußte man sie sich klauen, sonst bekam man keine, und die Kirschen in Nachbars Garten waren damals genau so süß und rot wie heute. Mutter sah uns aber scharf auf die Finger, wir durften nur nehmen, was unter den Bäumen lag und doch verdarb.

Das andere Haus, in dem wir wohl täglich verkehrten, war das Gärtnerhaus. Da wohnten Kerkers mit ihren acht Kindern.Es war ein freundliches Haus, und lag mitten im Park des Gutes. Auch drinnen war es hübsch und gemütlich, mit Küche, Wohnstube und sogar ,,Beste Stube". Kerkers Mutter war eine kluge, mütterliche Frau, von der ich manches Sprüchlein und Liedchen gelernt habe, so auch das sonst wenig bekannte: "Ich weiß einen Strom dessen herrliche Flut...", das wir heute noch gern singen. Sie erzog ihre Kinder in der gleichen Art, wie unsere Mutter uns, es herrschte dort eine reine, gesunde Luft, trotzdem sahen die Damen v.d. Recke diesen Umgang nicht gerne - die Kinder besuchten die Höhere Schule, und das wurde , als für unseren Stand nicht passend, verneint. Es gab in diesem Haus, und auch rundherum, herrliche Spielplätze. Da war die ,,Bude", ein Raum, in dem die Gärtnerburschen aßen, zeitweise auch mal schliefen, das Essen holten sie aus der Gutsküche. Es wurden dort Kränze gebunden, Blumen und Gemüse sortiert, usw. Wir Kinder konnten dort herrlich und ungestört spielen. Im Gewächshaus, Warmhaus genannt, durften wir dagegen nur ,,alles besehen - nichts anfassen". Meistens war das ,,Kalthaus", in dem im Winter die Kübelgewächse ihren Platz hatten, im Sommer ein großer, freier Raum. An einer Wand war eine Vogelhecke. Während der Obsternte, besonders Beerenobst, saßen hier die Arröderfrauen, und machten die Früchte für den Verkauf zurecht. Im Park durften wir frei herumlaufen, wenn auch nicht gerade bis ans Herrenhaus. Aber die alten v.d. Reckes, und ebenso der junge Herr, waren freundliche Leute, die uns Kindern nie ein hartes, wohl aber manches freundliche Wort sagten. Furcht hatten wir nur vor dem Rentmeister Hirsch, der uns oft mit seinem Stock drohte. Waren die Kinder aus der Gefahrenzone, so rächten sie sich mit dem Ruf: ,,Hirsch heiß ich", aber mit besonderer Betonung. Wir selber hatten mit dem Hauptgut nichts zu tun, wir gehörten zum
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Ministerhaus, aber wenn die Enkelkinder der alten Herrschaften in den Ferien kamen, die v. Haugwitz und die Chüdens, dann holte man uns schon mal, um mit ihnen zu spielen. Und heute, nach bald 60 Jahren, haben wir, Elisabeth v. Wolffersdorf geb. Chüden und Annemarie v. Haugwitz, die mit ihren Geschwistern als Flüchtlinge in der Gegend lebt, bei uns an einem gemütlichen Wintertag bei einer Tasse Kaffee gemeinsame, liebe alte Erinnerungen aufgefrischt.

Nun will ich wieder auf`s Ministerhaus und seine Bewohner zurückkommen. Mit besonderer Dankbarkeit erinnere ich mich an die beiden Fräulein Luischen und Adelheid v. Ledebur, die beide um die Jahrhundertwende die Brüder Wilhelm und GustavBodelschwingh Brief v. Bodelschwingh heirateten. Später heiratete auch noch die dritte Schwester, Julia, den jüngsten Sohn Fritz des alten Vater Bodelschwingh. Die Polterabende der beiden Schwestern wurden im Ministerhaus gefeiert, die Hochzeiten im Elternhaus Crollage. Etwas nebelhaft erinnere ich mich noch an den Polterabend von Luise und Wilhelm v. Bodelschwingh. Es wurden allerhand drollige, aber auch ernste Sachen aufgeführt, unter anderem auch lebende Bilder gestellt. Bei dem einen,"Christophorus", hatten Liesbeth und ich mitzuwirken, ich als das Jesuskind, in einem langen, himmelblauen Gewand thronte auf den Schultern des sehr großen und stattlichen Herrn Ernst v.d. Recke. Liesbeth mußte hinter einem Vorhang stehen und rufen: ,,Opherus, du Lieber, du Guter, hol über". (Nach der Christopherus Sage) Ich selber hatte nichts anderes zu tun, als feierlich auf der stolzen Höhe von Baron Ernst Schultern zu thronen. Da ich aber wohl irgendwie dort oben nach einem Halt suchte und nicht fand, platzte ich dann mit dem Ruf: Du hast ja keene Hoar up`n Koppe" in die feierliche Stille. Nachher bin ich dann auf Vater Bodelschwinghs Schoß eingeschlafen. Über zwei Feste im Ministerhaus will ich noch berichten, die jährlich gefeiert wurden: Das Pflegehausfest und das ,,Blasheimer Markt" - Fest. Ersteres war immer Mitte Juni, und es war Tradition, daß es zum mittäglichen Festessen die ersten Erbsen, die ersten jungen Kartoffeln und Stippmilch mit Erdbeeren gab. Das Fest war ein Jahresfest nach Art der kirchlichen Missionsfeste. Es predigten der Blasheimer Pastor, der dann auch den Jahresbericht übers Pflegehaus gab, und ein anderer Pastor, meistens waren es Professor Möller oder Pastor Bodelschwingh. Aber Vater Bodelschwingh hatte sich dann mal vorbeibenommen, indem er, ehrlich wie er war, in aller Harmlosigkeit vor versammelter Festgemeinde erklärte: ,,Ja, Tante Caroline, auch Du mußt nochmal aufs unterste Bänkchen". Das war ein harter Schlag und wurde ihm nie verziehen. Es handelte sich um folgendes: Um 1900 wurde das Kreiskrankenhaus erbaut. Die dafür bestimmte Oberin, Schwester Charlotte, eine sehr derbe, fast männliche Diakonisse, aber im allgemeinen sehr beliebt, übernahm die Leitung mit fester Hand. Besagte ,,Tante Caroline" eine Herrschernatur, hatte wohl erwartet, daß auch sie in irgend einer
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Weise die erste Geige hätte dabei spielen können. Das ließ sich aber Schwester Lottchen nicht gefallen, und so kam es zum Kampf zwischen den Beiden, den wohl Pastor Bodelschwingh zu schlichten versuchte, sich aber nach seiner ehrlichen Überzeugung auf Schwester Lottchens Seite stellte, die dann auch den Sieg davontrug. Aber Bodelschwingh fiel in Ungnade.

Nun zurück zum Fest. Ursprünglich wurde es auf den ,,Vierlinden" gefeiert, einer Gruppe von Linden in der Nähe des Liekwegschen Hofes. Da es dort aber immer sehr windig und kalt war, so machte Vater den Vorschlag, das Fest doch im ,,Kleibusch", einem Buchenwäldchen, den man vom Park aus über ein Brückchen erreichte, zu feiern, und so kam es dann auch. Ein paar Tage vorher begannen schon die Vorbereitungen, die an sich schon ein Fest waren. Es wurde Laub aus dem Walde geholt, und lange Girlanden gebunden, dazu kamen die Mehner Sonntagsschulkinder, die anschließend ,,unter den hohen Bäumen" mit Kaffee und Kuchen bewirtet wurden. Der Kuchen war immer derselbe, nämlich selbstgebackener, sogenannter ,,Klöben", bei dem an guten Zutaten nicht gespart wurde. Vater fuhr dann die Stühle und Bänke zum Festplatz, wo auch an einer dicken alten Buche die Kanzel aufgebaut und mit Laub verkleidet wurde. Diese wurde dann mit zwei Kreuzen aus Rosen und Rhododendron, oder auch wohl Margeriten, Kornblumen und Mohn geschmückt. Sprüche in Brandmalerei wurden überall an den Bäumen angebracht, der Posaunen- und Jungfrauenverein erschien, und so war alles sehr feierlich und stimmungsvoll, und ich kann mich nicht entsinnen, daß es auch nur einmal geregnet hätte.

Das Posaunen-, oder Blasheimermarktfest wurde auf dem Hof und im Garten des Ministerhauses gefeiert, und sollte die Menschen von dem verderblichen Treiben des Marktes abhalten. Auch da gab es Kaffee und Kuchen, das heißt, eigentlich Zwiebäcke, die sogenannten Posaunenzwiebäcke, da es sie nur zu dieser Gelegenheit gab. Nachher wurde im Garten noch gesungen und geblasen und Verlosungen für Groß und Klein veranstaltet. Für die Kinder gab es kleine Spielsachen, für die Erwachsenen Sprüche, Bilder, Bücher und Hefte. Der Hauptgewinn war immer eine Bibel. Dann gingen viele mit einem guten Gewissen nach Hause, viele aber auch, da man nun einmal am Feiern war, mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen doch noch zum Markt.

Ach ja, der Blasheimer Markt! Wir durften nie hin, das wünschten die Damen nicht, und die Eltern, besonders Mutter, auch nicht. Aber noch heute bedauern wir es, daß wir um diese doch so harmlose Freude gekommen sind. Einmal ging Mutter gegen Abend mit uns zum Kleibusch, und wir sahen das gelobte Land zu unseren Füßen liegen, wir hörten die Musik und sahen den ganzen erleuchteten Tingel-Tangel, und Mutter erzählte uns dann, wie der Teufel jetzt dort unten in den Ecken stände und sich freute über die Sünden und die Gottlosigkeit die dort begangen wurde.
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Es war schauerlich schön, und wir wären allen Teufeln zum Trotz doch gerne da unten in dem fröhlichen Trubel gewesen. Unsere glücklicheren Spielkameraden durften uns dann für 10 Pfg. irgend eine Jahrmarktsleckerei mitbringen, und außerdem schenkte uns Mutter dann noch eine Schürze o.ä.

Über ein ganz kleines Fest will ich auch noch berichten, das war das Spinnstubenfest am Mehner Berg. Da hatten die Damen für die Kinder eine sogenannte ,,Spinnstube" eingerichtet, bei ein paar alten Leuten, Möllers Mutter und Möllers Vater. Den Zweck dieser Einrichtung weiß ich nicht mehr, aber einmal im Jahr mußte Vater dann anspannen, und wir durften mit. Korinthenbrötchen wurden mitgenommen und Möllers Mutter kochte dann Kaffee dazu, es wurden Geschichten erzählt und Rätsel geraten, mit einem Wort, es war gemütlich.

Dann war am 27. Januar Kaisers Geburtstag. Dazu waren wir abends zum Schokolade-trinken und zum Essen frischer Korinthenbrötchen eingeladen. Da uns dieser Genuß nur einmal im Jahr geboten wurde, machten wir so ausgiebigen Gebrauch davon, daß es uns jedesmal so schlecht bekam, daß wir nach Luft japsend am offenen Kaffeestubenfenster standen, aber dies heulende Elend wurde gern in Kauf genommen und wiederholte sich in jedem Jahr. Die Kaffeestube, in der dieses Gelage stattfand, war trotz seiner Kleinheit, ca 2 x 3 m, ein Vielzweckraum. Das Mobiliar bestand aus einem kleinen Ofen auf dem der Kaffee gekocht wurde, einem größeren Tisch für Frühstück und Kaffeetrinken, einem kleineren Tisch an dem täglich das Silber geputzt wurde, einem Milchschrank, und einem Lampentisch an dem die Lampen und Leuchter geputzt wurden, einer Messerputzbank und ein paar Stühlen. Abends war hier der Aufenthaltsraum für die Mädchen, und es war immer warm und gemütlich. Vater nahm dort mit den Mädchen seinen Morgenkaffe und Frühstück, die anderen Mahlzeiten, Mittag und Abendbrot, die ihm auch zustanden, aß er bei uns, um auch am Tage bei seiner Familie zu sein. Dafür bekamen wir dann alle das Mittagessen aus der Küche. Das war alltags das gewöhnliche bäuerliche Durcheinander. Sonntags gab es Rindfleischsuppe mit Reis, Kartoffeln mit Senfsoße und Rindfleisch, an Festtagen Stärkepudding mit Himbeersaft, den Mutter aus Waldhimbeeren selbst herstellte.

Manchmal machte sie auch herrlichen Brombeersaft, doch das Beerensammeln war mir immer ein Greuel. Als Mutter dann später mal Pulverpudding kochte, der wohl um die Jahrhundertwende in den Handel kam, wurde das von den Damen beanstandet: Sie möchte doch lieber Stärkepudding kochen und nicht dies neumodische Zeug, lieber wollten sie uns die Eier, die dazugehörten, schenken. Ja, die alten Damen waren streng konservativ. Ihr Wahlspruch war: ,,Am guten Alten, die Treue halten." So gründeten sie auch den Trachtenverein, und gaben sich die größte Mühe, die alten Trachten, sowie
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Sitten und Gebräuche auf dem Lande zu erhalten. Diejenigen jungen Mädchen, die bei der Konfirmation noch die Bauerntracht trugen, erhielten als Geschenk eine Bibel. Sie selber kleideten sich sehr einfach und schlicht, und lebten auch sonst sehr sparsam. Sie waren die Begründerinnen des Pflegehauses, dessen Hundertjahrfeier im vorigen Jahr, am 20. Juli 1956, stattfand. Von einigen Insassen des Pflegehauses will ich noch berichten: Von ,,Schmalen Minchen" z.B., die als junges Mädchen schwer erkrankte und gelähmt blieb. Ich habe sie nur im Bett, und im Sommer im Rollstuhl gekannt, mit dem sie bei gutem Wetter in den Garten gefahren wurde. Sie war immer gleichmäßig geduldig, sanft und freundlich, hatte ein hübsches, junges Gesicht, und obwohl sie alt geworden ist, sah sie immer noch jung aus. Sie war immer fleißig, und so manche Handarbeit hat sie uns beigebracht.

Sodann ,,Madame Voß" und ihre Tochter ,,Antoinette". Ihr früherer Mann war Blasheimer, und als Schustergeselle in der Schweiz geblieben, wo er sich mit einer Französin verheiratet hatte. Als er dort starb, wurde seine Witwe mit ihrem kleinen Kind in seine Heimatgemeinde abgeschoben, die dann für die Beiden aufkommen mußte. So kamen sie ins Pflegehaus. Madame Voß verstand kein Wort deutsch, ihre Tochter kein französich. Dolmetscher waren die Damen, die französisch sprachen. Es gab dann oft was zu schlichten; denn Madame war nicht gerade friedlich und fühlte sich hier auch wohl immer fremd.

Überhaupt vertrugen sich die Alten nicht immer zum Besten, und oft kamen sie ins Ministerhaus, und verlangten ,,de Froile" ,auch mal ,,Herr Froile" zu sprechen. Dann mußte mit gutem und ernstem Zureden der Streit geschlichtet werden.

Einmal war auch ein altes Ehepaar Spreen, die Frau eine geb. Peitz-Pollert aus Schröttinghausen im Pflegehaus, und sie feierten dort sogar ganz groß das Fest ihrer Goldenen Hochzeit. Sie waren ehedem sehr wohlhabend gewesen, dann aber von Verwandtschaft zu Verwandtschaft gezogen, bis sie dann ziemlich arm im Pflegehaus landeten. Dann Marielieschen, ein altes, etwas verkommenes Mädchen, die, als sie wohl das erste warme Bad ihres Lebens genommen hatte, und gefragt wurde, wie ihr das bekommen wäre, behaglich geäußert hatte: ,,O, sehr schön", man hätte ein ,,so schönes warmes Leib". So könnte ich noch viel vom Pflegehaus und seinen Insassen erzählen, aber ich will noch kurz über ein paar Nachbarn berichten. Die nächsten Nachbarn waren Liekwegs ,,auf den Vierlinden". Der Hof war düster und lag unter hohen Eichen, die Leute besonders freundlich und gutherzig. Wir kauften dort unser Obst, und wenn wir Kinder mal was zu bestellen hatten, bekamen wir immer die Schürze voll Backobst.
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