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Luise Clüseners Lebenserinnerungen
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Ein anderer kleiner Hof lag am Waldrand. Der Hof wurde Kontor genannt, die Bewohner ,,Kontöders", obwohl sie eigentlich Brinkhof hießen. Die damals junge Frau war bildhübsch und machte sich gerne fein, die alte war es in ihrer Jugend auch gewesen, und auch sie hatte sich in ihrer Jugend immer gerne feingemacht. Im Hause war es dagegen unglaublich altmodisch, es gab noch keinen Schornstein und keinen ,,Abtritt", dabei waren die Männer, alt und jung, sehr intelligent. Als Vater dann später mal, so 1906, die Bauern Brinkhof und Schlake (Obermehnen Nr, 9) in Oldendorf auf dem Amt traf, und fragte was sie denn so machten, da erklärten ihm die Beiden, man wolle sie zwingen, einen Schornstein und einen ,,Abtritt" zu bauen, aber das käme nicht in Frage, und sie wollten sich gerade beschweren. Wie die Herren sich das dächten? Wie sie denn ihr Fleisch räuchern sollten! Wenn man sie aber zwingen würde, den Abtritt zu bauen, würden sie ihn nicht benutzen. Zu den Arröderhäusern in der ,,Voßkuhle" und ,,Vinkenburg" (Ziegelei) hatten wir wenig Beziehungen, wohl aber zu Sträters und Meiers an den Fischteichen. Die Kinder waren wieder unsere Schul- und Spielgefährten. Sträter war Müller und Bäcker des Gutes, Meier Tischler.

Beide waren sie grundverschieden. Sträter war ehrlich und geradezu, Meier heimtückisch und verschlagen, und so verstanden sie sich auch ganz und gar nicht. Man sah sie, obwohl sie den 10 Minuten langen Weg eigentlich zusammen kommen mußten, immer nur getrennt, und Sträter sich durchaus keine Mühe gab, seinem Nachbarn auszuweichen. Mich hat Sträters Vater mal sehr verletzt. Sie hatten ein kleines Mädchen bekommen, und da ich mir so sehnlichst ein Schwesterchen wünschte, so hatte ich Sträters Vater gefragt, da sie schon mehrere Kinder hatten, ob ich es mir nicht holen dürfte, und er hatte es mir auch zugesagt. So zog ich dann stolz und froh mit dem kleinen gelben Kastenwagen, ein Kissen drin, los, um das Kleine zu holen. Aber wie enttäuscht war ich, als man mir hohnlachend sagte, man gäbe es nicht her. Wie traurig und beschämt zog ich mit meinem Wagen wieder nach Hause.

Besuch gab es viel im Ministerhaus von Verwandten, Freunden, Gutsnachbarn und Geistlichen. Da waren zunächst die Verwandten. Von v.d.Reckes schrieb ich ja schon, daß es gutherzige freundliche Menschen waren. Die alte Frau v.d. Recke war eine geb. v. Hagen aus Pommern, die damalige junge Baronin eine geb.v.d.Borg. Diese wohnt jetzt mit ihrer Tochter, Frau v. Haugwitz verw. v. Rappart im Ministerhaus. Dann die v. Ledeburs auf Crollage. Frau v. Ledebur war die Schwester der alten Damen. Sie starb
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beim 12. Kind. Wenn ich den Adel als Stand nach Sinn und Wesen beurteilen oder beschreiben sollte, so würden mir da die v. Ledeburs vor Augen stehen. Ich habe sie alle 12 gekannt, und mit Ausnahme von der schon oft genannten Adelheid, die große schöne braune Augen und dunkleres Haar hatte, waren sie alle hell, blond und blauäugig. Der Älteste, Wilhelm, war lange Jahre Landrat des Kreises Lübbecke. Vater hat ihn seiner Gradheit und Aufrichtigkeit wegen immer hochgeachtet. In der roten Zeit nach dem 1. Weltkrieg konnte und wollte er nicht mehr weitermachen und legte sein Amt als Landrat nieder. Er war im Aussehen und Wesen ein rechter Edelmann. Seine Frau war die Enkelin des alten Oberpräsidenten v.Fincke. Auch sie war von großer Herzensgüte.

Die beiden Fräulein und späteren Pastorinnen Luise und Adelheid v. Bodelschwingh standen uns am nächsten, und besonders mit der Letzteren haben wir bis ganz kurz vor ihrem Tode in Verbindung gestanden. Sie hat während unserer Flüchtlingszeit hier in der Heimat immer wieder versucht, uns zu helfen, in ihren Briefen nannte sie sich zum Schluß immer ,,Eure Mutter Bodelschwingh". In ihrer Jugend war sie Hofdame beim Fürsten v.Waldeck in Arolsen. Auch ihre Schwester Else war jahrelang Hofdame. Frl. Marie v. Ledebur war Malerin. Sie war ein wenig absonderlich, und gehörte zu den Anthroposophen. Sie war eigentlich immer recht arm und lief in der unmöglichsten Aufmachung herum. Auch sie hat uns oft besucht, und Mutter hat sie nie mit leeren Händen gehen lassen. Obwohl sie sicher oft gehungert hat, hat sie doch nie um etwas gebeten, und bei aller Armut und Einfachheit blieb sie doch immer vornehm. Ich wenigstens habe sie gerne gemocht, und noch kurz vor ihrem Tode schrieb sie einen so lieben Brief und lud mich so herzlich ein, sie auf der ,,Kahlen Wart", wo sie bei den Bodelschwinghs wohnte, zu besuchen, damit sie mit mir in alten Erinnerungen schwelgen könnte. - Vor ein paar Wochen ist nun auch die letzte der zwölf Ledebur Kinder, Frau Luise v. Bodelschwingh, gestorben.

Zu den Freundinnen der alten Damen, die oft im Ministerhaus zu Besuch waren, gehörten auch die Frl. Charlotte und Marie v.Fincke, die Töchter des westfälischen Oberpräsidenten. Ich erinnere mich nur noch an die eine, Marie v. Fincke, eine zierliche weißhaarige alte Dame. Sehr bewundert habe ich auch eine andere Freundin, Gräfin v.d. Busche-Ippenburg. Sie war noch im Alter eine auffallend schöne, stattliche Frau. Aus ihren Augen strahlte die Herzensgüte, und so war sie auch. Auch sie hat ein Pflegehaus gegründet, und zwar in Bad Essen. Sie war eine geb. v.Arnim und von Hause aus sehr reich. Ich weiß nicht mehr, wie viele Güter sie hatte. Eines davon hat sie mal verkauft, um eine Reise ins Gelobte Land zu machen.

Von den Gutsnachbarn ist die Freifrau v.d. Horst auf Hollwinkel zu nennen. Wie mir Frl. Karoline v.d. Recke mal erzählte, gehörten sie dem Hochadel an, d.h., sie hatten die Berechtigung, sich auch mit Fürsten zu verheiraten. Das v.d. Horst`sche Schloß Hollwinkel ist verhältnismäßig neu, das Stammschloß der Familie war in Haldem.
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Von Benkhausen habe ich nur noch die Baronin v.d. Busche-Münnich mit ihrem Sohn Alhard gekannt. Sie war eine sehr schöne, junge, lebenslustige Witwe, die oft ihren Adelsstolz vergaß, und unter ihrem Stand heiraten wollte, es ist aber nie etwas daraus geworden. Anders war es bei dem Freiherrn vom Spiegel zum Desenberge (In diesem Berge, Desenberg bei Warburg, sollst du glänzen als ein Spiegel, -Karl d.Große.) Der hat trotz

seines alten Adels und hochklingenden Namens seine Wirtschaftsmamsell mit dem einfachen Namen Minna Prigge geheiratet und damit zur Gutsherrin von Groß-Engershausen gemacht. Aber vom Adel der Umgegend wurden die v.Spiegels seitdem gemieden, und jeglicher Verkehr mit ihnen abgebrochen. Ich habe nur noch die beiden Töchter der Minna geb. Prigge als alte Damen gekannt. Auf Hüffe regierte Fräulein Elvira v. Velie-Jungken. Sie war die einzige katholische Adelige der ganzen Umgegend, ihre Vorfahren sollen Franzosen gewesen sein. Man schilderte sie als eine sehr tüchtige und beliebte Gutsherrin.

Das waren so die nächsten Gutsnachbarn.

Vergessen habe ich noch die Verwandten der Stockhauser Recken. Das waren die beiden Brüder Ernst und Hilmar v.d. Recke, und die Schwester Ella, die nachher den schon sehr bejahrten Missionsinspektor Dr. Schreiber heiratete. Baron Ernst war Landrat in Eckernförde. Seine junge, schöne Frau, geb. Gräfin Baudissin, starb ganz plötzlich, er hat sie nie vergessen können und hat nicht wiedergeheiratet. Vater hat den Baron Ernst so sehr verehrt, und sie waren vertraut wie Freunde. Baron Hilmar war Oberförster in Rosenthal in Hessen. (Man nannte ihn ,,Flinko", weil er immer lustig und vergnügt, und wohl auch ein wenig leichtsinnig war.) Beide waren auffallend schöne und stattliche Männer. Den Beiden und ihrer Schwester Ella ersetzten die beiden Tanten nach dem frühen Tode der Eltern diese, und das Ministerhaus wurde nun das Elternhaus. Es gab dann auch oben das ,,Herrenzimmer" und unten ,,Ellas Stube". Schreibers wohnten später erst in Barmen, dann in Wittlage, wo sie ein großes Haus von ihrer Tante, der Gräfin Münster, geerbt hatten. Die Kinder Anni, Ella und Hilmar waren ungefähr in meinem Alter. Die Ferien verbrachten sie immer im Ministerhaus, und wir waren dann immer gute Spielkameraden. Frau Dr. Schreiber wurde später eine einfache Bürgersfrau, aber in ihrem schönen, großen Hause in Wittlage merkte man doch noch den adeligen Lebensstil. Ich war ein paarmal mit Frl. Karoline dort, die ich für die Zeit dort bedienen mußte. Hilmar starb als junger Ehemann in der Schweiz, wohin er gereist war um seine kranke Lunge auszuheilen. Es hieß, er habe nach dem ersten Weltkrieg zu viel gehungert. Seine junge Frau wollte ihn
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gerne mit in die Heimat nehmen, da aber der Transport der Leiche zu teuer gewesen wäre, ließ sie ihn einäschern, und brachte so die Urne als Gepäck mit. Er sollte dann auf dem Bad Essener Friedhof beerdigt werden, aber der dortige Pastor Sagebiel weigerte sich, weil das Einäschern unchristlich sei. Da erbarmte sich dann unser Pastor Möller aus Oldendorf, und der Sohn des alten Missionsinspektors bekam doch noch ein christliches Begräbnis. Ich glaube, es ist mancher Adelige nach den Kriegen an den Folgen des Hungers gestorben. So hieß es von Carl v. Ledebur, dem einen der 12 Geschwister, er war Maler, ebenfalls von Fräulein Hedwig v.d. Recke. Sie waren wohl zu stolz, oder zu bescheiden, und verstanden es nicht, auf die Dörfer und zu den Bauern zu gehen und hungerten lieber. Eines Abends, später, kam aber doch jemand an unsere Tür. Er führte ein Pferd am Kopf. Es war auch einer von den zwölfen, Baron Albrecht v. Ledebur. Er war auf Tour, und kaufte alte Gläser und Kristall auf. Sein Pferd machte vor Hunger schlapp, und ihm ging es wohl fast ebenso. Sie hätten noch nach Ahrenshorst gemußt, wo sie wohnten. Der Baron hat sich dann aber an uns erinnert, daß wir doch hier wohnen müßten, und klopfte also bei uns an. Wir haben ihn und sein Pferd dann erstmal richtig satt gemacht, und beide die Nacht dabehalten. Er hat uns dafür aus seinem abenteuerlichen Leben soviel Interessantes erzählt, daß wir am liebsten die ganze Nacht zugehört hätten. Seine Frau, eine geborene Fürstin Reuß, verwitwete Prinzessin Carolath, döpte Erbsen aus und putzte Gemüse für eine Konservenfabrik, nur um das kümmerliche Leben zu fristen. Als er am nächsten Morgen mit seinem reichbeladenen Wägelchen, wir hatten ihm ein Riesenschwarzbrot und sonstige gute Sachen eingepackt, von uns Abschied nahm, meinte er, er hätte hoffentlich nicht den Eindruck gemacht, als wenn er sich hätte beklagen wollen, nein, seine Frau wäre zufrieden und dann wäre er es auch. Wir waren ganz beschämt.

Ein andermal kam seine Schwester, die obengenannte Frl. Marie. Es war schon später Abend, und wir fragten, wohin sie denn noch wolle, oder ob wir sie nicht für diese Nacht beherbergen könnten. Sie hatte wohl so recht kein Ziel, und nahm erleichtert und dankbar unser Angebot an. Sie erzählte uns darauf, daß sie auch etwas ängstlich geworden sei, da sie kürzlich spät abends auf einem einsamen Weg von Bohmte nach Ahrenshorst von einem jungen Burschen beraubt worden sei. Zufällig habe sie so ziemlich ihr ganzes kleines Vermögen bei sich gehabt, nun war sie noch ärmer als arm. Ich schreibe dies alles so ausführlich, um zu beweisen, wie diese Menschen auch in der größten Not noch ihre Vornehmheit bewahren. Sie wissen sich wohl nicht so zu helfen, aber sie klagen und stöhnen auch nicht und fallen niemanden zur Last. Wenn je über den Adel mal geschimpft wurde, Vater hat ihm immer das Wort geredet. Er hat den Adel kennengelernt, und trotz Fehler und Mängeln, die jeder Stand und jeder
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Mensch an sich hat, doch das Gute als vorherrschend erkannt. Wir, Vater, Mutter, Liesbeth und auch ich denken nur voller Dankbarkeit an die damals alten und jungen Damen zurück.

Auch an viele Besucher des Ministerhauses, die uns Kindern kleine Geschenke mitbrachten, sich in der freundlichsten Weise mit uns beschäftigten und oft noch sogar zu Weihnachten an uns dachten. So bekam jeder Bewohner des Ministerhauses von den beiden Frauen v.Bodelschwingh sein Weihnachtspäckchen, immer mit viel Liebe ausgesucht und bedacht. Ja, das war der Adel.

Nun will ich zu den Pastoren übergehen. Zuerst der Blasheimer Pastor Husemann. Er war Bauernsohn aus Gehlenbeck, und innerlich und äußerlich immer ein Bauer geblieben. Er sagte geradeheraus was er dachte und nahm nie ein Blatt vor den Mund, auch nicht bei den alten Damen. Als er anläßlich der Goldenen Hochzeit der alten Herrschaft wohl ein bischen zu tief ins Glas gesehen hatte, da hat er am folgenden Sonntag in seiner Predigt sich selber gedemütigt und auch da kein Blatt vor den Mund genommen. Anschließend hat er den Blaukreuzverein gegründet, und ist als erster eingetreten. Von ihm kann man wohl sagen, er hat segensreich gewirkt und sein Bestes getan.

Ein anderer Pastor von dem auch heute noch geredet wird, ein gewaltiger Kanzelredner, hat als Mensch doch sehr versagt. Ebenso seine Frau, die mehrere der schönsten Lieder gedichtet hat, die ich heute noch gern singe, auch sie hat menschlich versagt. Sie war von einem so schmutzigen Geiz besessen, daß sie ihren Dienstboten kaum das bescheidenste Essen gönnte. Vater, der viel mit den alten Damen im Kutschwagen über Land fuhr, bekam dann auch bei den jeweiligen Gastgebern seine Malzeiten, er hat sich über diese geizigen Pastorsleute oft schwer geärgert. Sein Essen mußte er sich fordern wenn ihm der Magen knurrte, und dann hat ihm die Pastorin mit bitterbösem Gesicht die trockenen Kartoffeln auf den Tisch geknallt. Die Mädchen bekamen Roggenbrei in Wasser gekocht, kalt gestellt, in Scheiben geschnitten, und in wenig Fett gebraten.

Von den Lübbecker Geistlichen kam eigentlich nur Pastor Priester, ein alter, freundlicher, weißhaariger Mann ins Haus. Er brachte uns Kindern bunte Bilder mit, und ich erinnere mich auch heute noch gern an ihn wenn ich auf dem Friedhof an seinem Grab vorbeikomme. Leider wurde er später gemütskrank und erhängte sich, aber er war ein guter Pastor, und seine Liebe gehörte besonders den Kleinen Leuten. In der Lübbecker Kirche habe ich die Damen nie gesehen, sie hielten sich zu Basheim mit seinem Bauernpastor.

Die Schule haben wir in Lübbecke besucht. Dieses Gebäude am Markt muß um 1896 gebaut worden sein. Ich bin immer gerne zur Schule gegangen, und konnte deshalb nie begreifen, daß sich andere so auf die Ferien freuten. Mein erster Lehrer hieß
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Römmling, war jung und streng, und als ich einmal nicht aufgepaßt hatte (6+2=9), hieß es den Platz wechseln, d.h. einen runter. Heute gibt es diese Rangordnung nicht mehr, so kann man mir auch nicht nachfühlen, wie schrecklich das für mich war. Noch heute kann ich mir das Gefühl vorstellen, daß ich nur noch einmal so empfunden habe, und zwar in der Russenzeit. Damals stand ich kleines Mädchen dann auch bitterlich weinend, die Schürze vor'm Gesicht, an der Schulecke. Ein großes Mädchen kam vorbei, Luzie Gerlach, sie war Töchterschülerin, und sie fragte mich mitleidig, warum ich denn weine. Als ich ihr schluchzend meinen Kummer mitteilte, tröstete sie mich so liebevoll, und versprach mir eine große Tüte Schokolade, die sie mir anderntags auch mitbrachte, ich habe ihr das nie vergessen.

Mein zweiter Lehrer war Fürhölter, ein kleiner, fuchsroter Mann, sehr jähzornig, und bei seinen Wutanfällen wurde er noch roter. Ich war auch bei ihm ganz gerne. Aber am liebsten war mir doch mein letzter Lehrer, Edeler, ein so herzensguter Mensch, daß wohl die ganze Schule für ihn schwärmte. Er hatte nur den einen Fehler, daß er in jedem Jahrgang seine besonderen Lieblinge hatte, die er dann auch zum Ärger der Anderen besonders herausstellte und bevorzugte. In meinem letzten Schuljahr in Lübbecke gehörten meine Freundin Frieda Gerling und ich zu diesen Auserwählten.

In der Frühstückspause durfte ich mir so ab und zu für 5 Pfg. Brötchen kaufen, was war das für ein Genuß! Sie waren aber auch herrlich frisch, die man bei Möhlmann am Markt kaufte, nie wieder habe ich so leckere gegessen. In den Jahren 1903 oder 1904 wurde auch durch Pastor Güse der Kindergottesdienst in der Kirche eingeführt. Auch den habe ich immer gerne besucht. Schön waren dann auch immer die Weihnachtsfeiern, und zu unseren vielen Bescherungen gab es zuguterletzt auch noch die im Kindergottesdienst.

Hiermit möchte ich nun den ersten Teil meiner Jugenderinnerungen beenden. Ehe ich mit dem zweiten Abschnitt meines Lebensberichtes beginne, möchte ich nun eine kleine Familienchronik, soweit ich diese im Gedächtnis habe, einschalten.

Meine Vorfahren.

Hof Nr. 17 in SchröttinghausenMein Vater ist auf dem Hof Nr. 17 in Schröttinghausen geboren. Wie fast alle ,,Kolonate" dort ist auch dieser Hof viele hundert Jahre alt. Wie aus alten Kirchenakten hervorgeht, haben schon im Jahre 13.. zwei Brüder, Johann und Hinrich v.Skröttinghusen, sich im Dorf angesiedelt. Auch andere Bauernhöfe, die heute noch existieren, werden darin genannt. Der Hermjohannes Hof hat der Lage nach wohl zum ältesten Teil des Dorfes, dem ,,Busch" gehört, wo auch ein seit Jahren verschwundener Tümpel, der ,,lange Pool" lag, der Teil eines Hausgrabens gewesen sein soll. So könnte
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man annehmen, daß diese beiden Brüder , Johann und Hinrich v.Skröttinghusen die ersten Besitzer der Höfe Hermjohannes und Hinrichs, die nebeneinander lagen, gewesen sind. Der Hinrichs'sche Hof wurde schon vor über 100 Jahren verkauft, die ehemaligen Besitzer sind nach Amerika gezogen. Ein Teil des alten Gehöftes ist noch in meinem Elternhaus eingebaut, das sogenannte ,,Beihaus", Das alte Ballmeier'sche Haus (jetzt Husemeier) war der Kotten, und wurde von meiner Großmutter immer noch ,,Hinnekes Kotten" genannt. Seltsam ist nur, daß in den alten Hofakten, die bis in das 17. Jahrhundert zurückgehen, nie der Name Hermjohannes geführt wird. Einmal heißt es da ,,Clamor im Busch", ein andermal ,,Franz vom Daubenflage". (Daubenflag ist eine Flurbezeichnung

des Ackers am Hof.) Der Name taucht erst später auf, vielleicht zur Zeit meines Ur-UrGroßvaters (1780?) . Dieser muß früh gestorben sein, seine Witwe, eine geb. Schierholz aus Holzel bei Oberbauerschaft, (Rüschen, Dünnerholz) heiratete zum 2. mal einen Klostermann aus Wimmer. Dies war nun unser Urahn, demnach müßten wir eigentlich Klostermann heißen, aber der Name Hermjohannes wurde weitergeführt und blieb der Hofesname.

( Es ist gut möglich, daß in der Familie des Johann v.Skröttinghusen einer mit dem Vornamen Hermann eingeheiratet hat, und das daraus der Name Hermjohannes entstanden ist.) Dieser, unser erster wenigstens dem Namen nach bekannte Vorfahr, hatte zwei Söhne, von denen der eine als ,,Vedder" auf dem Hofe blieb, wie es damals bei den nichterbberechtigten Söhnen und Töchtern, die nicht durch Heirat auf einem anderen Hof unterkamen, Sitte war. Sie hatten meistens nichts zu lachen, wurden wenig geachtet, und hatten über ihr Erbteil nur zu verfügen wenn sie heirateten. Taten sie das nicht, arbeiteten sie eben ohne Lohn, und mußten sich die paar Pfennige auch für die allerbescheidensten Genüsse wie Prim, Tabak oder Schnaps, fordern oder schenken lassen. So erzählte mein Vater, der seinen Großonkel noch gekannt hat.

Mein Urgroßvater, Wilhelm Hermjohannes, ist wohl ein etwas harter, stolzer Bauer gewesen. Seine erste Frau, Anna Elisabeth geb. Volbert, eine Nachbarstochter, soll er auch nicht sehr geeachtet haben. Sie hatte eine Tochter, die 17-jährig nach Mittelkrämers in Harlinghausen geheiratet hat, wo sie mit 18 Jahren, nach der Geburt des ersten Kindes, gestorben ist. Auch die geb. Volbert muß früh gestorben sein, denn mein Urgroßvater, (geb. 1798) der das erste Mal mit 20 Jahren geheiratet hatte, nahm dann später noch eine Witwe Blomenkamp aus Börninghausen zur Frau. Sie war eine geb. Marie Ilsebein Große-Schweinefuß aus Engershausen Nr. 2 Zuvor war sie mit einem Nachbarssohn, Redecker , verlobt, der dann aber eine Andere nahm. Aus Verzweiflung soll sie dann den Gastwirt Blomenkamp genommen haben, der am Trunk
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gestorben ist. Von ihm waren die zwei Kinder, die sie mit in die zweite Ehe brachte, die aber auch beide jung gestorben sind. Somit fiel der Besitz an den Hermjohannes Hof. Vater und Großvater haben sich mehrfach in Börninghausen erkundigt, wo die Wirtschaft gewesen ist, aber niemand hat mehr davon gewußt. Nur ein altes Kontobuch existiert noch. Darin sind auch noch andere Aufzeichnungen von Großvater und Urgroßvater. Unsere Urgroßmutter soll sehr gut gewesen sein, und hatte ,,geblüht wie eine Rose auf dem Busch", wie uns Leute erzählten, die sie noch gekannt hatten. Auch der Urgroßvater soll sie sehr geliebt und auch geachtet haben. Aus ihrer Aussteuer stammt die große Anrichte, und die Sitztruhe, die aus der Bettstelle gemacht ist. Diese beiden Sachen haben wir aufarbeiten lassen, und halten sie nun hoch in Ehren. Die Urgroßmutter hatte viele Geschwister, ich hörte, es seien zehn gewesen. Eine Schwester hat den Gastwirt Spreen in Getmold geheiratet, eine andere nach Mittelkrämers in Harlinghausen. (Die Schwiegermutter der Hermjohannes, geb. Volbert) Ein Bruder wohnte in Harlinghausen, einer in Schröttinghausen (Kleinkrögers). Dann sollen noch die Gödecken, Engershauser Masch, die Schnittker, Harlinghausen (Fünfhausen) und Linkenhägener in Eininghausen dazugehören. Und natürlich der Hoferbe. Auch die Urgroßmutter ist mit 52 Jahren an galoppierender Schwindsucht gestorben. Sie hatte in ihrer zweiten Ehe wieder zwei Kinder, mein Großvater Franz, und sein Bruder Wilhelm Hermjohannes. Letzterer hat eine Große Dunker-Tochter aus Getmold geheiratet. Mit seiner Frau und drei Kindern hat er als Ackersmann ganz bescheiden im Kotten seines nachherigen Schwiegersohnes Blase Nr. 15 gelebt. Die eine Tochter ist nach Schlottmanns in der Landwehr geheiratet, der Sohn blieb im Kotten, und hat noch im hohen Alter mit seiner Familie den Holsingschen Hof in Getmold gepachtet. Der Großonkel war ein wenig ein Sonderling, sehr klug, sehr altmodisch, und auch wieder sehr modern. So hat er bis an sein Ende ein ,,Ölkrüsel" als Lampe benutzt, er hielt sich aber, als sich auf dem Dorf noch kein Mensch eine Zeitung leistete, die größte und vornehmste, den ,,Reichsboten". Nun zurück zu meinem Großvater, den wohl jeder der ihn gekannt hat, hochgeachtet, ja verehrt hat. Er war im Aussehen ein ausgesprochener westfälischer Bauer, hellblond und blauäugig, und sehr schlank wie alle Hermjohannes, außer der Tante Luise Balsmann. Diese ist recht rundlich, und machte auch dadurch eine Ausnahme, daß sie ein Alter bis weit über 80 Jahre erreicht hat, während alle anderen Familienglieder, sonst sehr kräftig und gesund, unter, oder mit wenig über 70 Jahren starben.

Als Großvater starb, war ich 12 Jahre alt, ich habe ihn also noch gut gekannt und sehr verehrt, obwohl er zu der Zeit sehr still und ernst war. Er war das, was man unter ,,fromm" versteht oder verstehen soll, und das, obwohl er nie über sein Innenleben sprach, und sein Christentum mehr in Taten als in Worten bestand. Er war klug, und las und schrieb viel.

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Leider gab es zu der Zeit auf dem Lande wenig, oder gar keine Bücher, außer natürlich Bibel und Gesangbuch und verschiedenen Andachts- und Predigtbüchern. Zu den wenigen Schriften gehörte das Sonntagsblatt, das Blaue Monatsblatt mit Berichten aus dem kirchlichen Leben, die ,,Charlotte und Franz HermjohannesWeltumschau" , und der blaue ,,Ravensberger Volkskalender". Das Lübecker Kreisblatt, das 3 mal wöchentlich kam, hielten wir mit Onkel Carl aus Oldendorf zusammen, es wurde jeweils Sonntags vom Kirchgang mit nach Hause genommen. Kalender, Monatshefte und Sonntagsblätter wurden sorgfältig aufbewahrt, und Großvater mit seinem ungestillten Lesehunger konnte sich immer wieder so darin vertiefen, daß er nichts hörte und sah, wenn jemand kam. Im Winter spann er an jedem Abend ein ,,Schierstück", das war eine große Leistung, und trotzdem fand er noch Zeit, pünktlich um 8 Uhr eine Lesepause einzulegen. Er war Gemeinde- und Kirchenvorsteher (Presbyter), letzteres bis zu seinem Tode. Mit Pastor Volkening (dem Sohn des Erweckungspredigers in Minden Ravensberg) war er sehr befreundet, und dieser hielt ihm auch die Leichenpredigt, und gab ihm den Leichentext: ,,Die richtig vor sich gewandelt haben, kommen zum Frieden und ruhen in ihren Kammern". Unter Anderem sagte er auch noch in dieser Predigt, Großvater sei nicht allein klug, sondern auch weise gewesen, das Zeugnis gäbe er ihm. Er starb mit 71 Jahren an Magenkrebs. ,,Das Andenken des Gerechten bleibt im Segen". - Von Großmutter Hermjohannes kann ich nicht viel schreiben. Sie war eine tüchtige und ordentliche Bauersfrau, ehrlich und aufrichtig, manchmal ein wenig zu aufrichtig, und ein wenig herrschsüchtig. Mutter hat es nicht immer leicht mit ihr gehabt, und Vater mußte ihr dann ab und zu mal beistehen und ein Machtwort sprechen, dann ging es wieder eine Weile besser. Geärgert habe ich mich immer und nicht verstehen können, wie sie nach so einem Machtkampf, an dem doch nur sie die Schuld trug, Trost in Bibel und Gesangbuch suchte. Doch muß ich auch sagen, daß sie mit zunehmender Altersschwäche immer mehr ihr Unrecht erkannte, und auch verschiedentlich Mutter um Verzeihung bat. Mutter hat ihr dann auch nichts nachgetragen, und unter ihrer vorbildlichen, liebevollen Pflege ist sie dann auch still und friedlich heimgegangen. (71 Jahre). Die Großeltern hatten sehr jung, mit 21 und 17 Jahren, geheiratet. Es ging das Gerücht, Großmutter wäre als junge Frau noch gewachsen, und ungeschickt wie sie wohl noch war, habe ihr Großvater, unter dem und dem Apfelbaum sitzend, das Kleid verlängert. (Der Apfelbaum war bis vor wenigen Jahren noch da).

Der Großvater hatte mit seinen 20 Jahren noch gar keine Lust zum heiraten gehabt, so nötig es wohl war, da eine Frau im Hause fehlte. Da hat er Großmutter, die wohl sehr hübsch gewesen ist, irgendwo gesehen, und sich sofort bereiterklärt, wenn er die kriegen könnte, wolle er wohl heiraten.
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Großmutter war eine geb. Ossenschmidt von Neuenfeld-Getmold. Die Neuenfelder Höfe waren noch lange Erbpachthöfe von Ippenburg, wie auch die Schröttinghauser Bauernhöfe noch zu Großvaters Zeiten dort Hand- und Spanndienste leisten mußten. Wann die restliche Ablösung denn um die mußte es sich handeln, stattgefunden hat, weiß ich leider nicht. Die Neuenfelder Höfe sind jedenfalls auch schon lange Eigenbesitz. Großmutter hatte noch 2 Brüder, doch ist der eine während seiner Militärzeit an Typhus gestorben. Der andere Bruder erbte den Hof, und mit seiner Frau, einer geb. Haselhorst (Coors) noch einen in Harlinghausen. Meine Urgroßmutter Ossenschmidt war eine geb. Heuer aus Getmold. Sie hatte noch drei Schwestern: Eine bekam den Heuerschen Hof, eine heiratete auf den Große-Dunker'schen Hof in Getmold, die dritte nach Kramen in Offelten. (Nr.16) Zwei der Schwestern waren Zwillinge, und Zwillingsgeburten kommen in der Familie immer wieder vor. Auf dem Hof Ossenschmidt, also Großmutters Bruder, waren von 12 Kindern 3 x Zwillinge.

Die Großeltern hatten neun Kinder , von denen Vater das Zweitälteste war. Das Älteste, seine 2 Jahre ältere Schwester Charlotte hat nach Thasen geheiratet. Sie war Vaters liebste Schwester, wohl weil sie Großvater am ähnlichsten war. Zwischen Vater und Balsmanns Tante ist ein Altersunterschied von 8 Jahren. Dazwischen waren die beiden Kinder Franz und Luise, die beide in einem Jahr gestorben sind. Der Junge hatte eine Bohne verschluckt, und ist auf der Fahrt zum Doktor daran erstickt.

Onkel KarlOnkel Karl, im Alter der nächstfolgende, hatte auf der sogenannten Trotzenburg in Oldendorf eine Mühle gekauft. Um ein Haar wäre er Tante Lotteeinmal beinahe ins Mühlengetriebe gekommen, darauf hat seine Frau , die Tante Lotte, (geb. Schlake, Getmold) nicht eher Ruhe gegeben bis er diese wieder verkaufte, und dafür das gegenüberliegende Dunker'sche Geschäftshaus erwarb, und dort eine Schweinemästerei betrieb. Seine einzige Tochter ist auf den Buck'schen Hof in Eielstädt geheiratet. Er selbst starb 1934 im Alter von 68 Jahren an einer schweren Darmentzündung.

Clara & Friedrich Quade mit KinderTante Clara und Onkel Heinrich, die sich mit den Geschwistern Friedrich und Marie Quade aus Harlinghausen verheiratet haben, (es waren Vettern 2. Grades, von Mittelkrämers her) sind im Jahre 1903 nach Posen gezogen und haben dort gesiedelt. Nach dem 1. Weltkrieg, als Posen polnisch wurde, sind sie nach Schlesien gezogen, und nach dem 2. Weltkrieg wieder nach hier in die alte Heimat geflüchtet. Tante Clara hatte sechs Kinder, Onkel Heinrich fünf. Der jüngste Onkel, Fritz, wurde noch geboren als Thasen Tante schon verheiratet war, und ihr erstes Kind erwartete. Dieser Onkel Fritz starb nach 8-tägigem Krankenlager im Alter von nicht ganz 24 Jahren an einer Gehirnhautentzündung. Er war groß und kräftig und bis dahin kerngesund, so war dies

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